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2026 Youpeng He

Empathische KI aus der Perspektive des transformativen Designs – Eine Studie über die Entwicklung von emotionaler Substitution zu emotionaler Vermittlung in einer einsamen Gesellschaft

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Einsamkeit ist in modernen Gesellschaften zunehmend zu einem strukturellen Phänomen geworden. Sie stellt nicht mehr ausschließlich einen individuellen emotionalen Zustand dar, sondern spiegelt häufig geschwächte soziale Verbindungen und eine verringerte Einbindung in relationale Netzwerke wider. Gleichzeitig hat die rasante Entwicklung dialogbasierter KI-Systeme zur Entstehung sogenannter empathischer KI geführt, die darauf ausgelegt ist, emotionales Verständnis zu simulieren und durch dialogische Interaktion eine Form von Begleitung anzubieten.

Viele bestehende Systeme konzentrieren sich jedoch primär auf emotionale Substitution: Sie bieten kontinuierliche empathische Interaktion, die Einsamkeitsgefühle kurzfristig lindern kann, adressieren jedoch selten die zugrunde liegenden relationalen Strukturen, in denen Einsamkeit entsteht. Daraus ergibt sich eine zentrale Gestaltungsfrage: Soll empathische KI menschliche Interaktion ersetzen oder sollte sie vielmehr den Wiederaufbau realer sozialer Verbindungen unterstützen?

Diese Masterarbeit nähert sich dieser Frage aus der Perspektive des transformativen Designs. Auf der Grundlage theoretischer Analysen sowie qualitativer Forschungsworkshops untersucht die Studie unterschiedliche situative Formen von Einsamkeit und identifiziert strukturelle Unterschiede hinsichtlich zeitlicher Dynamiken, der Verfügbarkeit relationaler Ressourcen sowie der Handlungsmöglichkeiten von Individuen. Aus diesen Erkenntnissen wurden acht situative Archetypen von Einsamkeit abgeleitet, die als Grundlage für ein gestaltungsorientiertes Interventionsframework dienen.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen schlägt das Projekt eine konzeptionelle Verschiebung von emotionaler Substitution hin zu relationaler Vermittlung vor. Anstatt als langfristiger emotionaler Begleiter zu fungieren, wird empathische KI als eine vermittelnde Struktur neu interpretiert, die Nutzer:innen dabei helfen kann, ihre relationale Umgebung zu reflektieren und schrittweise wieder Anschluss an bestehende soziale Netzwerke zu finden.

Um diesen Ansatz zu untersuchen, entwickelt die Arbeit ein prototypisches System mit dem Namen Relational Mirror Interface (RMI). Die Benutzeroberfläche visualisiert persönliche Beziehungsnetzwerke, Interaktionsmuster sowie emotionale Dynamiken und ermöglicht es Nutzer:innen, die Verteilung und Stabilität ihrer sozialen Beziehungen besser zu verstehen. Durch adaptive Dialogmodi und Vermittlungsmechanismen soll das System zur emotionalen Stabilisierung beitragen und zugleich behutsam reale soziale Interaktionen anregen.

Anstatt menschliche Beziehungen zu ersetzen, positioniert der vorgeschlagene Designansatz empathische KI als eine reflektierende und vermittelnde Ebene zwischen individuellen emotionalen Erfahrungen und dem breiteren sozialen Umfeld. Auf diese Weise leistet das Projekt einen Beitrag zur aktuellen Diskussion über die Rolle von KI im Umgang mit Einsamkeit und untersucht, wie Design digitale Technologien neu rahmen kann – als Werkzeuge, die soziale Beziehungen stärken, anstatt sie zu ersetzen.

Studiengang

Transformation Design (MA)

Betreuung

Prof. Ulrich Fleischmann, Prof. Andreas Muxel